LiebeR Kollege/In,
deine Frage rührt an ein "ewiges" Thema, das man leider endlos totdiskutieren kann. Ich versuche mal eine halbwegs übersichtliche, zweigeteilte Antwort aus der Praxis vieler leidvoller Reklamationsgutachten zu geben...
1. Reklamationsrecht gibt es so nicht
Denn für die Produkte die du z.B. in Form von Büchern herstellst, gibt es zwar jede Menge Normen, Erfahrungswerte usw. aber letztlich keine Gesetze. Deswegen gibt es auch wenig feste Regeln.
Und das große Problem: Selbst wenn das Buch "richtig versaut" ist aufgrund von Druckfehlern – vor Gericht entscheiden keine Fachleute, sondern Richter. Und das sind technische Laien. Da helfen auch Gutachten nur bedingt...
Das war die kurze Antwort.
2. Ich gehe jetzt mal rein von der Beschreibung aus, die mir vorliegt.
Fehler 1: PSO-zertifiziert heisst nicht, dass der Betrieb jeden Tag danach arbeitet. Kann man lange darüber reden, ist aber so. Habe selber genug von denen zertifiziert.
Fehler 2: GENAU genommen, darf ich nach ISO nur EINEN Weg gehen:
ENTWEDER
den Betrieb "blind" seine Normwerte anfahren lassen in Bezug auf Volltöne (Delta E) und Tonwertzunahmen.
ODER
den Betrieb nach Proof abmustern lassen. Dann sind die Vorgabewerte der Norm aber EGAL. Das wird häufig vergessen ;-)
ODER
ich mustere höchstselbst im Betrieb ab. Verlasse ich dabei die Normwerte, zeichne aber den Bogen als freigegeben ab, ist das MEIN Problem.
Fehler 3: Es scheint ja so zu sein, dass einige Widerdruckseiten nicht unerheblich von den Schöndruckseiten abweichen. Dabei kommt wieder der häufigste Druckereifehler zum Tragen. Egal warum das passiert es: Sobald man es bemerkt, gibt man dem Kunden Bescheid!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Conclusio:
Die Delta E-Werte die du nennst gibt es für den Druck so NICHT!!!!!
Es gilt: Delta E 5 für den Vollton beim OK-Bogen. Und +/– 4% beim 40%-Rasterfeld für die TWZ, sowie +/– 3% beim 20% oder 80% Rasterfeld, so vorhanden. Zusätzlich eine Graubalance in Form einer TWZ-Spreizung von absolut 5% für CMY.
ALLES NUR OK-BOGEN!!!! Die Auflage wird wiederum zum OK-Bogen bewertet (weshalb man OK-Bögen NIENIENIE wegwerfen sollte-...)
Eine Auflage wird zumeist als OK betrachtet, wenn 2/3 aller Exemplare innerhalb der Schwankungstoleranz zum OK-Bogen sich befinden.
Aller Erfahrung nach, kann aber auch ein schon gebundenes Buch noch korrigieren. Das hängt ein bisschen von der Bindeart ab, aber wenn der Drucker dazu bereit ist, sollte man diesen Weg gehen.
Das ist dann kein kompletter Neudruck, sondern ein teilweiser, dafür aber ein komplett gutes Buch.
Nur wenn die Bindeart es nicht zulässt, dann isses eine Streitfrage.
Denn, wie weit wurde welcher Wert überschritten? Das wissen wir so noch nicht und selbst wenn, gibt es rechtlich daraus keine "Automatik" im Sinne von verbrieften Ansprüchen.
Und: Was machst du, wenn die Druckerei NICHT neu drucken will?
Klagen? Das dauert und ist teuer.
Was tun?
Akut kannst du nur die Tatsachen feststellen und auf ein bisschen Glück und ein bisschen Einsicht bei der Druckerei hoffen.
In Zukunft wäre es vielleicht sicherer, Aufträge mit dem Zusatz zu vergeben, das eine Produktion nach ISO 12647 erfolgen muss. Ohne Proof, ohne persönliche Abmusterung.
Einzige Vorassetzung dafür: Die Daten müssen dazu passen und man hat –schlimmstenfalls– keine ganz freie Papierwahl mehr. Wobei: Letzteres fällt kaum einem Endkunden je auf.
Keine rundum schönen Aussichten, aber man kann es jetzt nicht mehr ändern.
Beste wünscht trotzdem
m