Ich bin immer ein Ligaturenfreund gewesen, weil es etwas mit Liebe zu tun hat, wenn man sich darum kümmert. Ohne Ligatur wirkt es immer lieblos. Das stört mich immer besonders, wenn ich eine Überschrift in der ZEIT lesen. Da stört das unligierte fi wie eine Rotzfahne an der Nase.
Dürfte ich zu der Frage "Totalpriorität der Typographie ist die Transportfunktion" mit einem Gleichnis daherkommen? Wenn Leute beginnen, sich als Schriftsteller zu betätigen, glauben sie immer, die Geschichte an sich sei das Wesentliche, die Sprache sei nur dazu da, die Handlung unauffällig zu transportieren. Die Ansicht behauptet, daß die Sprache nur eine Funktion zu erfüllen hat. Aber fortgeschrittene Autoren und anspruchsvolle Leser wissen, daß die Sprache wichtiger ist, sie gibt den Sound. Es gibt ja viele Bücher mit minimaler Handlung, die durch die Sprache phantastisch sind. Umgekehrt wird kein gutes Buch daraus.
Genauso gehts mir bei Typographie. Natürlich muß der Text lesbar sein. Aber solange es kein Manierismus ist, darf ein Text doch detailverliebt und meisterhaft gesetzt sein (Wer Ligaturen unästhetisch findet, läßt sie natürlich weg). Wenn man die Zeit dazu hat. Was ist denn daran schlecht, wenn sich jemand für 20 Euro ein gutes Buch kauft und irgendwo auf der ersten Seite auf eine Ligatur stößt und das Lesen mal kurz fürs Staunen unterbricht? Das ist gehört doch zu einem Buch dazu, genauso wie das Anfühlen des Papiers und der Geruch. Die ältesten Schriftzeugnisse stammen aus dem 46. Jahrhundert vor Christus. 66 Jahrhunderte lang haben die Schreiber/Setzer die Ligatur geliebt. Ligaturen sind so etwas wie die heimliche Pralinenschachtel in der Schreibtischschublade einer Sekretärin, im alten Ägypten und in den Keilschriften ist die multikomplexe sogar das Ziel aller Seeligkeit. Ich mag Bauhaus, aber das ist in diesem Kontext nur ein Augenzwinkern.
Ich fasse mal zusammen: Seit 66 Jahrhunderten ist diese Liebe zum Detail in den meisten Hochkulturen ein ausdrückliches Ziel, bis dann im letzte Jahrhundert ein paar Leute fanden, daß genau das Gegenteil richtig ist. Natürlich haben die nicht unrecht, aber man kauft ein Buch nicht, weil es unproblematisch zu lesen ist, sondern weil man was erleben will.
Grüße,
Daniel